Warum Ankara uns alle etwas angeht

IMG_20151008_161923 - KopieAm 10. Oktober 2015 tötete eine Zwillingsexplosion über neunzig Menschen auf einer Friedensdemo in Ankara. Es ist wahrscheinlich, dass wir niemals erfahren werden, wer für diesen zynischen Angriff verantwortlich ist. Stattdessen wird Ankara ein weiterer Name auf der langen Liste der ungeklärten politischen Verbrechen in der Türkei.

Die Botschaft ist jedoch klar: Krieg ist unabwendbar und eure Leben sind in unserer Hand. Es ist ein Attentat, bei der ich mir nicht vorstellen kann, dass es alleine das Produkt kochender Wut ist. Es muss auch das Werk kaltblütiger Berechnung sein.

Einen Tag früher, am 9. Oktober, lud ich ein Bild in die Facebook-Gruppe der Universität Bielefeld hoch, welches Sie über diesem Artikel sehen können. Es zeigt ein Banner in der Unihalle. Es ist normal, hier Transparente aufzuhängen – direkt daneben sieht man ein anderes, welches zu Kleiderspenden für Flüchtlinge aufruft.

Das fragliche Banner besteht aus drei Teilen: Einem bekannten Spruch aus einem jüdischen Feiertag, bei dem man Dinge zerschmettert; eine Glühbirne, erkennbar das Zeichen der türkischen Regierungspartei AKP, welche von einem Schuh zertreten wird; und die Wörter AG Ergenekon.

Die Ergenekon-Gruppe waren – angeblich – nationalistische Verschwörer in der Türkei. Es ist unklar, ob es sie wirklich gab, ober ob sie nur eine Erfindung war um die Gegner der religiös-konservativen Regierungspartei AKP festzusetzen. Das Prinzip basiert jedoch auf einer real-existierenden Gruppe, namentlich den Grauen Wölfen. Die Grauen Wölfe wiederum sind eine rechte Terrororganisation mit mafiösen Strukturen, verantwortlich für diverse Pogrome und ungezählte Morde.

Es gibt viele AGs zu vielen Themen an der Universität Bielefeld, aber niemand hat je von einer AG Ergenekon gehört. Daher stellte ich das Bild bei Facebook ein und fragte, ob jemand wüsste, was genau die Aussage des Banners ist und wofür diese Gruppe steht.

Wir haben die Antwort noch nicht gefunden. Aber was sich natürlich stattdessen ergab, war eine scheinbar unzusammenhängende, lange, teils emotionale Diskussion über die Kurdenfrage, die PKK, Kriegsverbrechen, die Rolle der pro-Minderheitenpartei HDP, die Rolle deutscher Waffenhändler*, und so weiter. Alles auf Deutsch.

Deutschland und die Türkei haben einen spezielle Verbindung. Heute ist einer von zwanzig Menschen, die in Deutschland wohnen, türkischer Abstammung. Wir neigen dazu, Nationen als starre Geographien zu betrachten. Aber im echten Leben verschmelzen unsere Gesellschaften, wie Gesellschaften es immer getan haben. Wer ist Deutsch, wer ist Türkisch, wer beides, wer gar nichts – am Ende muss es jeder für sich entscheiden.

Die Opfer der Anschläge des 10. Oktobers haben Kontakte nach Deutschland, genau wie ihre mutmaßlichen Mörder.

Tatverdächtig sind auch die Grauen Wölfe. Sie sind in Deutschland scheinbar seit den 1970ern aktiv, außerhalb des öffentlichen Fokus und weitgehend ignoriert von deutschen Sicherheitskräften. Wenn es zu den Aktivitäten der Organisation hierzulande verlässliche Zahlen gibt, sind sie mir nicht bekannt; die Inkompetenz von Verfassungsschutz und Co. bei der Aufklärung rechten Terrors ist grenzenlos, sein Interesse an der Aufklärung von Morden an Deutschtürken gering. Daher fallen sie als Quelle für mich aus.

Die gezielte Radikalisierung, die man der Türkei aufzwingen will, und die Reaktion darauf spiegeln sich auf deutschen Straßen, in deutschen Moscheen, in Vereinen, und, wie oben, in Universitäten. Sie ist ein Thema, welches wir öffentlich angehen müssen, schon allein weil viele der direkt Betroffenen seit langem ein Teil des „wir“ sind.

Natürlich werden nicht nur Konflikte und Döner importiert, sondern auch andere Eigenschaften der türkischen Gesellschaft. In meiner Zeit in Istanbul habe ich eine empörte Sturheit gegenüber der Politik gespürt. Die Menschen verlangen Teilnahme – ein Drang, von dem die deutsche Demokratie, wie jede Demokratie, abhängig ist.

Der Einfluss der türkischen Demokratiebewegung auf Deutschlands politische Kultur ist schwer zu messen, aber sichtbar, wenn man weiß, wo man gucken muss. Kluge Politiker und Journalisten, aber auch Privatpersonen, nutzen ihre Beobachtungen aus anderen Gesellschaften um Vorgänge in Deutschland besser verstehen zu können. Lektionen aus der türkischen sozialen Verteidigung können helfen, die deutsche zu stärken. Ich denke hier zum Beispiel an die Strukturen basisdemokratischer Bewegungen, aber auch Gefahrenerkennung.

Das Massaker von Ankara und die Reaktion der Regierung sind ein tragisches Beispiel hierfür.

Unsere Brüder und Schwestern in der Türkei sind das Ziel eines Terrors, der ihren Willen brechen und sie mit Hass aufeinander erfüllen soll. Trenne und herrsche – das ist der Zweck der Angriffe, auf deren Täter es natürlich keine verlässlichen Hinweise gibt. Und wenn es keine Hinweise gibt, entscheidet das Bauchgefühl – Intellektuelle beschuldigen die AKP, Nationalisten beschuldigen Kommunisten, Kurden die MHP und so weiter. Der türkische Zusammenhalt zerbricht. Wer profitiert davon? Jene, die schon immer von zersplitterten Gesellschaften profitiert haben; angebliche starke Männer, Radikale, menschenverachtende Industrielle, Drahtzieher im Hintergrund. Die Feinde von Freiheit und gerechter Wohlstandsverteilung.

Ich bin nicht in der Position, der türkischen Regierung eine direkte Beteiligung zu unterstellen, aber zumindest spielt sie mit. Nämlich mit der Nachrichten- und Mediensperre: Diese verzögert eine öffentliche Debatte und lässt Raum für Spekulation. Wenn die Nachrichtennetzwerke wieder funktionieren, Informationen wieder ausgetauscht werden können, sind die aus Wut geborenen Positionen vielleicht schon verhärtet.

Wir müssen mit den Opfern der feigen Attentate in Ankara solidarisch sein. Ein derartiger Angriff auf Vernunft und Zusammenhalt in der Türkei ist, indirekt, ein Angriff auf Vernunft und Zusammenhalt in Deutschland. Denn Terror, unabhängig des ideologischen Ursprungs, wird von Grenzen nicht aufgehalten.

Gleichzeitig bedeutet ein Erstarken der Demokratiebewegung in der Türkei auch wachsende Partizipation in Deutschland – schon allein weil es Menschen gibt, die Teil beider Gesellschaften sind, oder sich in beiden bewegen. Und die Demokratiebewegung in der Türkei ist wehrhaft. Das zeigt sie dieser Tage.

Radikalisierung lässt sich nicht totschweigen. Sie kann nur durch einen offenen und öffentlichen Austausch von Meinungen und Informationen bekämpft werden. Aber während wir der Schlächter in den Schatten gewahr werden müssen, dürfen wir die Vorzüge – und die Alternativlosigkeit – kulturellen Austausches nicht vergessen. Ich persönlich sehe Schönheit in dem Elan, mit dem eine deutschtürkische Erstsemestlerin einen älteren Konservativen zu seinen verfaulten Einstellung zu Integration belehrt.

* Jemals gefragt, was mit den Waffen der NVA nach Auflösung der DDR passiert ist? Scheinbar hat die Einheitsregierung sie verkauft. Deutsche Kriegsschiffe gingen an den indonesischen Diktator Suharto, während deutsche Panzer bald durch kurdische Dörfer rollten.

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2 thoughts on “Warum Ankara uns alle etwas angeht

    • Ach geil. Dabei dachte ich gestern schon, es wäre weg gewesen. Ich interpretiere das jetzt so, dass sie immer noch gegen Erdogan sind, aber sich wohl nicht ganz im Klaren waren, was (mutmaßlich!) hinter Ergenekon steht.

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